Der Wehr aller Anfang

Blick zurück ins Jahr 1887: Kanzler war nicht Scholz, sondern Bismarck – historisch korrekter Unterschied: der Fürst war Reichs-, der Hanseat heute ist Bundeskanzler. Zudem legte Kaiser Wilhelm I. bei Kiel den Grundstein für den Nord-Ostsee-Kanal und in Paris nimmt das Institut Pasteur seine Arbeit auf, heute ein epidemiologisches Überwachungszentrum.

Was seither ebenfalls Bestand hat ist der Brandschutz im Schatten der Burg Tannenberg, denn vor 135 Jahren, am 7. Februar, gründete der Schreinermeister Georg Wiemer gemeinsam mit 26 Kameraden die Freiwillige Feuerwehr Seeheim.

Untergebracht waren die Einsatzkräfte im Untergeschoss des Historischen Rathauses in der Ober-Beerbacher Straße, was bis ins Jahr 1960 ihr Zuhause bleiben sollte. Aus heutiger Sicht muten die ersten Jahre der Wehr technisch antiquiert an: zum Löschen von Bränden gab es eine kleine und eine große Spritze, betrieben mit Muskelkraft und gespeist von einem Wasserbehälter, der per Eimer ständig nachgefüllt werden musste.

Zusätzlich zu ihrem eigenen Ortsgebiet mussten die Seeheimer – festgelegt in der „Kreisfeuerlöschordnung des Kreises Bensheim“ von 1892 – auch den Nachbarn in Jugenheim, Ober-Beerbach, Bickenbach und Alsbach Löschhilfe leisten. Landwirte im Ort, die ein Fuhrwerk besaßen, waren verpflichtet hier beim Transport von Material und Mannen zu helfen. Erstmals Motorkraft hatten die Brandschützer erst 1937 zur Verfügung, jedoch noch nicht als Auto oder Lkw, sondern für eine Tragkraftspritze. Diese sowie eine fahrbare, mehrteilige Schiebleiter gibt es heute noch, liebevoll gepflegt von der historischen Löschgruppe im Feuerwehrverein.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bestand die Feuerwehr Seeheim zeitweise und zum Teil aus von der Gemeinde zum Feuerwehrdienst verpflichteten jungen Männern, um die nötige Sollstärke der Gruppe zu erreichen. Während der nationalsozialistischen Herrschaft stand die Wehr – 1939 auf Anordnung umbenannt zur Feuerschutzpolizei und mit zwangsaufgelöstem Verein – unter staatlicher Aufsicht. Heute und seit Ende der 1950er Jahre investieren die Mitglieder der Einsatzabteilung ausschließlich ehrenamtlich ihre Freizeit in den Brandschutz.

Im Oktober 1960 bezog die Wehr, inzwischen auch mit einem Kleinlöschfahrzeug ausgestattet, ihr neues Gerätehaus in der Schulstraße, dort, wo sich seit Mitte der 1990er Jahre das Gebäude der Sparkasse befindet. Ganz offiziell auch wieder überörtliche Aufgaben hat die Feuerwehr Seeheim Ende der 70er erhalten, weswegen Haus und Fuhrpark gewachsen sind. Der Stützpunkt in der Philipp-März-Straße ist Baujahr 1979 und steht kurz davor, umfassend saniert zu werden.

Die heutige Arbeit der Feuerwehrleute ist mit der ihrer Vorfahren nur noch im gemeinsamen Ziel, Schaden von den Menschen im Ort abzuwenden, zu vergleichen. Technik, Ausbildung und Vorgehen sind in den zurückliegenden Jahrzehnten bedeutend professioneller geworden. Eine moderne, freiwillige Einsatzkraft hat neben ihrem Know-how aus dem Beruf meist auch eine ganze Menge Feuerwehrfachwissen, was die Gruppe sehr schlagkräftig macht.

Sorge bereitet Wehrführer Jens Ramge jedoch die Einsatzstärke am Tag, weil immer weniger Brandschützer vor Ort arbeiten und somit erst nach Feierabend verfügbar sind. „Im Bedarfsfall schließt das Alarmieren von Nachbarwehren zwar diese Lücke, aber eben nur akut“, sagt Ramge. Er wünscht sich von Seiten der Gemeinde eine die Feuerwehr mehr unterstützende Personalpolitik.

Feierlichkeiten zum 135. Geburtstag hat die Feuerwehr keine auf der Agenda, auch weil pandemie-bedingt nicht geplant werden kann. Ob das Corona-Kapitel nach weiteren 135 Lenzen 2157 nur eine Randnotiz in der Geschichte der Seeheimer Feuerwehr war, das weiß heute keiner. Ebensowenig wie, wer dann KanzlerIn ist.

Ausführliche Chronik der letzten 135 Jahre

Bilderverzeichnis:

  • Historisches Rathaus mit Kleinlöschfahrzeug: FF Seeheim/Archiv
  • Fuhrpark 2021: FF Seeheim/Dorian Krüger
  • Gerätehaus Schulstraße 6: FF Seeheim/Archiv